- Erstellt von Fischer, Barbara, zuletzt aktualisiert am 2025-12-27 Lesedauer: 3 Minute(n)
Es ist Dienstag, der 23. Dezember, letzter Arbeitstag. Ganz nüchtern betrachtet ein Datum wie jedes andere. Und doch ist der letzte Tag des Jahres ein stiller Appell: Zeit für Rückblicke, Bilanzen und – natürlich – Checklisten der Key Results. Wann eigentlich kam diese Idee auf, man müsse zum Jahresende Rechenschaft ablegen? In unseren Breitengraden entstand sie mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann zwischen der Vertreibung aus dem Paradies und der Einführung des Black Friday. Man darf annehmen, dass das Bilanzziehen sich nicht erst im Gefolge europäischer Kolonialherren über den Globus verbreitete, sondern vielerorts schon lange zuvor praktiziert wurde. Man zählt sein Hab und Gut, rechnet vor, was fehlt. Wenn man so viel besitzt, dass man seinen Besitz nicht mehr auf einen Blick erfassen kann, dann fängt man an, zu zählen, zu sortieren, zu kategorisieren und zu notieren … Yuval Harari beschreibt diese Entwicklung eindringlich in seinem Buch “Nexus”. Von der Organisation des Besitzes ist es nur ein kleiner Schritt zur Organisation des Wissens – und von dort zu den Normdaten. Da die Gemeinsame Normdatei zentrales Thema dieses Blogs ist, wäre das keine Überraschung.
Doch kehren wir noch einmal zur Ausgangsfrage zurück: Warum ausgerechnet am 31. Dezember? Warum nicht am 28. Februar? Auch da ist es kalt und trist. Man verpasst weder eine laue Sommernacht noch das Nachtigallenkonzert, wenn man sich stundenlang mit der Bilanz des vergangenen Jahres abmüht.
Weil es draußen kalt und dunkel ist, spielen zumindest auf der Nordhalbkugel Lichter und Kerzen in vielen Bräuchen eine wichtige Rolle. Die schwedische Lichterkönigin trägt eine Kerzenkrone in das dunkle Haus. Man misst die Zeit mit dem Adventskranz oder dem Chanukka-Leuchter. Heute sieht man vermutlich vom Weltall aus, wann und wo der große Konsumaufschwung im Jahr stattfindet. Die festlich beleuchteten Straßen und Hausglitzerketten vertreiben das winterliche Dunkel. Ende Februar ist es zwar auch kalt und dunkel, aber die Aussaat steht kurz bevor, daher ist keine Zeit zum Bilanzieren, wendet die Anthropologie ein. All diese Bräuche haben ihren Ursprung in der Naturbeobachtung der Altvorderen vor Tausenden von Jahren, unter anderem auf irgendeinem Hügel unweit von Leipzig.
Ist es nicht erstaunlich, wie stur traditionsgebunden unsere Gewohnheiten sind? Da kaufen wir Erdbeeren im Dezember und essen Nüsse im Sommer. Wir begeistern uns für Technologien, mit denen wir den von uns gemachten Klimawandel einhegen wollen. Wir fliegen als Touristen ins Weltall und schwadronieren von Marskolonien. Wir drehen die Heizung weiter auf, wenn es draußen stürmt. Und wir beschweren uns, wenn wir für die 600 Kilometer nach Frankfurt im Zug länger als vier Stunden brauchen. Und trotz all dieses Fortschritts, all dieser tollen Errungenschaften und fabelhaften Erfindungen sitze ich hier Ende Dezember und soll einen Jahresrückblick schreiben. Nur weil es vor Ewigkeiten mal bedeutsam war, wann die Sonnenwende erfolgte? Sie merken es vielleicht: Hier regt sich der Trotz der Angestellten. Der leise Unmut, auf den letzten Metern noch einmal eine Schippe drauflegen zu müssen. Bahnt sich da ein Konflikt an?
Nein halt! Denn eine Sache, die nicht nur mir besonders wichtig ist, sondern auch die Gäste des Kolloquiums des Standardisierungsausschusses unisono betonten, ist die Zusammenarbeit. Ohne Kooperation mit den erforderlichen Kompromissen, gegenseitigem Verständnis und Respekt sowie der Bereitschaft, dem anderen den Vortritt zu gewähren, wäre unsere Arbeit unmöglich zu bewältigen. Und da ja bekanntermaßen das Fest der Liebe vor der Tür steht, lassen wir die Revolte ausfallen. Stattdessen ein großes Dankeschön an all jene, die in den letzten 365 Tagen – mal mit, meistens ohne KI – enorm viel geleistet haben. Damit die Gemeinsame Normdatei das bleibt, wofür sie geschätzt wird: Ein verlässliches Werkzeug zur Wissensorganisation in einer Welt, die gern etwas heller sein dürfte.
P.S. Wer jetzt fragt: Wo ist die versprochene Checkliste zum Jahresende, mit der man prüfen könnte, wie die Bilanz der GND ausfällt? Dem empfehle ich für die hoffentlich ruhige und gemütliche Zeit der Raunächte die Lektüre aller Blogposts dieses Jahres. Da finden sich Informationen zu den Veranstaltungen, technischen Entwicklungen und Kooperationen, die zusammen dem Jahr 2025 zu einer positiven Bilanz verhelfen.
Frohe Festtage, einen guten Rutsch und auf ein Neues in 2026.

Aus der Reihe "Was du heute kannst besorgen ..." Der GND Weihnachtsgruß 2025 AfS (DNB) CC BY