Blog-Eintrag vom Oktober, 2026

Normdaten im Deutschen Literaturarchiv Marbach

Karin Schmidgall (stellvertretende Bibliotheksleitung, DLA Marbach) erzählt Barbara Fischer (DNB Leipzig) ihre Geschichte.


Das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA)  ist eine der bedeutenden Einrichtungen, die den Öffnungsprozess der Gemeinsamen Normdatei avant la lettre mitgetragen haben. Aufgrund seiner Aufgabe hat es eine inhaltliche Nähe zu Bibliotheken und hat dennoch einen eigenen Blick: ein Archiv, eine Forschungseinrichtung und umfassende Sammlung. Grund genug, diesem besonderen Blick in einem Gespräch Raum zu geben.

Es begann mit Normdaten vor Ort

Fischer: Wann begann die Nutzung der Normdaten im DLA? Welche Herausforderungen musstet ihr in der Anfangszeit bewältigen? Welche Motivation hat euch angetrieben?

Schmidgall: Als wir uns dieses Jahr in Mannheim zur Abschlusstagung der ersten Förderphase von Text+ trafen und die Idee zu diesem Gespräch entstand, antwortete ich spontan: „Bevor es die GND gab.“ Dabei dachte ich an die Anfänge unseres Lokalsystems Kallías im Jahr 1998. Wenn man „Daten“ allerdings weiter fasst als nur Datensätze in einer Datenbank, beginnt die Geschichte der Normdaten im DLA schon in den 1960er Jahren.

Unter Paul Raabe wurde die Bibliothek damals zu einer modernen Spezialbibliothek ausgebaut. Bücher wurden im Magazin (ohne Signaturschild)   systematisch nach Autorinnen und Autoren, Epochen und Erscheinungsjahren aufgestellt. Auch der systematische Kartenkatalog folgte diesem Prinzip. Um einen Autor richtig einzuordnen oder ein Werk im Katalog zu finden, benötigte man also bereits normierte Informationen: etwa die Lebens- und Publikationsdaten eines Autors und dessen Werke.

Dafür gab es eine eigene Signierkartei – gewissermaßen eine analoge Normdatei für literarische Autorinnen und Autoren. Hermann Hesse etwa, dessen erstes Werk 1899 erschien, wurde der entsprechenden Epoche zugeordnet. Und wer im Systematischen Katalog nach einem Werk suchte, musste dessen Erstveröffentlichungsjahr kennen. Dafür lag auf jedem Erschließungsarbeitsplatz Wilpert/Gühring als „Normdatei“ in Buchform. Als Benutzerin oder Benutzer war man ohne die richtige Auskunft also schnell verloren.

Schon 1994 wollten wir das ändern. Als die traditionellen Zettelkataloge der sammelnden Abteilungen durch ein integriertes Datenbanksystem abgelöst werden sollten, entschieden wir uns für eine konsequente Nutzung gemeinsamer Normdaten. Personen, Körperschaften, Werke und Verlage sollten medienübergreifend für die Erschließung genutzt werden – unabhängig davon, ob es um Text, Bild oder Ton, Handschriften oder Drucke ging. Ziel war eine konsistente Recherche über die Grenzen der einzelnen Sammlungen hinweg.

Das war damals keineswegs selbstverständlich. Im Gegenteil: Die Regeln der überregionalen Normdateien ließen für unsere Bedürfnisse manches nicht zu. Personen, die in der Formalerschließung verwendet wurden, durften beispielsweise nicht individualisiert werden. Für eine Spezialbibliothek zur neueren deutschen Literatur war das kaum praktikabel. Bezeichnend ist, dass die PND als zentrale Personennormdatei in Deutschland gerade erst 1994 auf den Weg gebracht wurde.

Wir hatten damals die seltene Chance, gemeinsam mit der Firma aStec ein Lokalsystem genau nach den Bedürfnissen des DLA anzupassen. Die neue Datenbank erhielt den Namen Kallías. Als erstes wurden rund 42.000 literarische Autorinnen und Autoren angelegt. Die alte Signierkartei wurde damit gewissermaßen vom Karteikasten in die Datenbank überführt – aus der analogen NamenNormDatei wurde der Grundstock einer normdatenbasierten Erschließung.

Und diese Entscheidung wirkt bis heute nach. Unsere Normdaten waren beispielsweise auch bei der Konversion des Marbacher Sachkatalogs entscheidend: Sie ermöglichten, die gescannten Karten automatisiert den richtigen Normdatensätzen zuzuordnen.

Wenn ich heute auf diese Geschichte zurückblicke, ist für mich deshalb das eigentlich Bemerkenswerte: Das DLA hat nicht erst mit der GND begonnen, mit Normdaten zu arbeiten. Die Idee, Informationen über Personen, Werke und Zusammenhänge über Sammlungs- und Medientypen hinweg konsistent nutzbar zu machen, war hier schon Jahrzehnte vorher angelegt. Die GND hat diese Idee später auf eine gemeinsame überregionale Grundlage gestellt.

 

Aufruf!

Möchten Sie uns Ihre Geschichte erzählen, wie Sie zur GND kamen? Dann kontaktieren Sie uns unter gnd-info@dnb.de. Wir hören Ihnen gern zu.

Zusammenarbeit technisch ermöglichen

Fischer:  2012 erfolgte der Zusammenschluss der verschiedenen Normdateien zur GND. Was bedeutete das für eure Arbeit mit den Normdaten?

Schmidgall: Ja, das war eine spannende Zeit und ich kann mich an heftige Diskussionen rund um das Thema „Individualisierung - pro/kontra“ im Vorfeld erinnern. Ich selbst verbinde damit viel Arbeit, aber auch Freude darüber, dass sich die Bibliothekswelt zu öffnen beginn

Bei meiner Aufräumaktion fand ich Unterlagen zu einem Normdaten-Anwendertreffen, das am 12.3.2013 auf dem Bibliothekskongress in Leipzig stattfand. Die damalige Leiterin, Brigitte Wiechmann, hatte eine Podiumsdiskussion initiiert: „Wohin entwickelt sich die Gemeinsame Normdatei?“. Auf dem Podium saßen Magnus Pfeffer von der HDM Stuttgart, Daniel Kinzler von Wikidata und Martin Fenner von ORCID. Magnus Pfeffer experimentierte damals mit maschinellen Clustering-Verfahren, z. B. zur nachträglichen Individualisierung von Personen durch Werk-Clustering. Wikidata und ORCID waren gerade im Entstehen. Ich hatte den Part der Vertreterin der Bibliotheken übernommen. Die Leitfragen unserer Diskussion waren u.a.: „Regelwerke für die Erschließung von Normdaten - Fluch oder Segen?“, „Warum sollen nicht-bibliothekarische Fachleute an der GND mitarbeiten?“ „Welche Anforderungen gibt es, um die GND attraktiver und zukunftsfähiger zu machen?“

Ich musste ein wenig schmunzeln. Diskutieren wir heute nicht immer noch ähnliche Fragen?  

2013 mussten zunächst die Erfassungsmasken des Lokalsystems überarbeitet und unsere lesende und schreibende Online-Schnittstelle zum SWB angepasst werden. Technisch basierte die Schnittstelle auf dem Z39.50 Protokoll und funktionierte mit der Autorenstammdatei des SWB. Wir brauchten eine neue Lösung, die für den Bereich Normdaten direkt mit der GND kommunizieren kann. In einem gemeinsamen Projekt von DNB, BSZ, DLA und der Firma aStec wurde die SRU-Update-Schnittstelle entwickelt. Sie ist vollständig in den Workflow des Lokalsystems integriert und läuft bis heute sehr stabil. Nur bei Formatänderungen in der GND braucht es ab und zu Anpassungen im Konverter

Als nächstes galt es, unsere lokalen Normdateien mit der damals neuen GND abzugleichen. Hier hatten wir das Glück, als Kooperationspartner in einem DFG-Projekt der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Bayerischen Staatsbibliothek beteiligt zu sein. Dadurch konnten wir 53.000 Personendatensätze mit GND-Identnummern anreichern.

Mit Unterstützung des BSZ Konstanz haben wir weitere maschinelle Abgleiche durchgeführt und führen bis heute manuell beim Katalogisierungsvorgang noch Abgleiche durch. Stand heute haben wir eine Abdeckung von ca. 80 - 90 % GND-IDs in unseren weiterhin lokal gehaltenen Normdatensätzen für Personen, Werke und Körperschaften. Ein inhaltlicher Abgleich auf Aussagenebene war aber nicht machbar. Vielleicht gut so, denn die lokalen Normdaten in unserem Katalog Kallías ermöglichen uns, Informationen zu erfassen, die von den GND-Regeln nicht abgedeckt sind, und ebenso das Speichern von Rechteinformationen. In gewisser Weise ist Kallías unser Pendant zu dem im Aufbau befindlichen partizipativen Datenraum GNDplus.


Der Katalog, ein Screenshot, DLA, 2026, CC BY SA

Mitarbeit in der GND

Fischer: 2020 habt ihr gemeinsam mit der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar das Projekt “Werktitel als Wissensraum” begonnen. Welche Rolle spielte die GND in diesem Projekt?

Schmidgall: Eine sehr wichtige Rolle, die GND war schließlich unser Erfassungssystem. Die Idee zu dem Projekt entstand übrigens aus unserer Mitwirkung in der AG RDA (heute die Kompetenzgruppe RDA DACH). Ich war dort Vertreterin der Arbeitsgemeinschaft der Spezialbibliotheken (ASpB) und wir haben uns sehr im Themenspeicher „Werke“ engagiert. Das Werkkonzept in RDA-DACH eröffnet uns die Möglichkeit, den Entstehungsprozess von Literatur abzubilden und in Relation zu setzen: von den ersten Entwürfen bis zum Druckmanuskript, über die veröffentlichten Ausgaben bis zur Rezeption in Verfilmungen und Vertonungen. Im Projekt “Werktitel als Wissensraum” wurde u.a. eine Datengrundlage für Untersuchungen zum literarischen Kanon und zur Rezeption literarischer Werke geschaffen. Auch nach Abschluss des Projekts gehören wir zu den großen Geberbibliotheken bei der Neuanlage von Werksätzen, ca. 10% der Neuanlagen kommen aus Marbach. Zu dem Projekt haben wir viel publiziert, u.a. einen langen Artikel in ZfBB. Wir hatten die Möglichkeit, das Projekt auf zwei GNDCons vorzustellen. Auf der Seite zum Projekt findet man alle Artikel zum Nachlesen.

Insgesamt war es aber schwieriger als gedacht und die Laufzeit von DFG-Projekten ist zu kurz, um richtig dicke Bretter zu bohren. Ich sehe die Codierung von Werk-Werk-Beziehungen immer noch als das größte Desiderat. Wir würden uns wünschen, dass zum Beispiel in Anwendungen wie dem GND Explorer, dem DNB Katalog oder in der LOBID GND zumindest dann direkt auf beispielsweise unseren Katalog Eintrag (Link auf https://www.dla-marbach.de/find/opac/id/AK00044394) verwiesen wird. So würde das Tim Berners-Lee Konzept von Linked Open Data noch mehr Sinn machen, Bei aller sachlichen Kritik möchte ich aber betonen, dass das Projekt von Beginn an seitens der Verbundredaktionen des BSZ und GBV sowie der DNB, durch den GND-Ausschuss sowie den Standardisierungsausschuss konstruktive, in der Sache kritisch beratende und umsichtige Unterstützung erhalten hat, wofür an dieser Stelle nochmals gedankt sei.


Das Eigene im Gemeinsamen

Fischer: Wie seht ihr den definitorischen Charakter der GND im Spannungsfeld einer geöffneten GND, in der eine wachsende Diversität von Communities Anspruch auf die "richtige" Definition, die tatsächliche Relevanz oder auch die notwendige Granularität für eine Entität (oder eine Gruppe von Entitäten) erhebt und damit ggf.im Widerspruch zur Setzung einer anderen Community geraten?

Schmidgall: Das ist ein weites Feld. Nach meinem Eindruck finden Diskussion zur GND viel mehr in der NFDI Community oder auf Tagungen der Digital Humanities statt. Innovationen werden durch forschungsnahe Projekte angestoßen. Der GND Explorer wird von Forscher*innen hochgeschätzt. Auch im Werktitel-Projekt hatten wir oft den Eindruck, die Forschung interessiere sich in Modellierungsfragen viel mehr für Normdaten als Bibliotheken. Das Thema Erschließung steht in Bibliotheken immer stärker unter ökonomischen Druck im Widerspruch zum steigenden Interesse der Forschung an hochwertigen Metadaten. Auch wenn ich mich mit dieser Äußerung wieder in die bibliothekarischen Nesseln setzen werde: In der bibliothekarischen Erschließung werden Informationen immer wieder in Bemerkungsfeldern geparkt, anstatt mit mehr Aufwand die Aussagen in maschinenlesbarer Form zu notieren. Auch das Regelwerk setzt uns Grenzen: Das prominenteste Beispiel ist die Geschlechterangabe in MARC 375, die nur zwei Codierungen zulässt: f=Frau und m=Mann. Auch ist es in Werknormsätzen  nicht möglich, Epochenbegriffe normiert zu erfassen. Epochenbegriffe, wie “Sturm und Drang” oder “Klassik” würden eine literaturwissenschaftliche Einordnung des Werks ermöglichen und böten der Forschung einen Mehrwert. In Werknormsätzen ist aber bislang keine Sachbegriffs-Beziehung vorgesehen. Für diese Art von  Information wurde im Projekt daher ein Textfeld verwendet. Das sind für mich Fälle, die nichts mit der granularen Beschreibung einer Entität zu tun haben. Aber klar: Die GND kann nicht jede Tiefe abbilden, die in Forschungsprojekten benötigt wird. Es ist immer ein Austarieren, was in die GND fließen sollte und was nur in einer eigenen Forschungsumgebung unterzubringen ist. In der Theorie führt die GND-ID immer alles zusammen, in der Praxis möchte man in seiner eigenen Arbeitsumgebung aber eine Indexierung vollständiger Daten (also alle in der GND erfassten Informationen plus die zusätzlichen).  


Verschiedene Perspektiven und doch ein Standard?

Fischer: Ihr habt euch in dem obigen Projekt für eine Ergänzung von Werktiteln als Werkdatensätze in der GND eingesetzt. An welche Diskussionen erinnerst Du Dich? Wer waren die Beteiligten und was waren die diskutierten Fragen? Welche Rolle spielte hier der Begriff "kanonisierte" Werke? Habt ihr, hier wie in anderen Bereichen der GND, auf publizierte Nachschlagewerke als Autorität zurückgreifen können oder vielleicht eure eigene wissenschaftlich fundierte Kanonbildung als Grundlage genomme

Schmidgall: Ich erinnere mich an lebhafte Diskussionen zum Ländercode in Werknormsätzen, darüber, ob Zusatztitel angegeben werden würden, wie umfangreich die Angaben zum Werkkontext sein dürfen und warum wir so viele Werke in Beziehung setzen. Wir haben intensiv mit den GND-Redaktionen der Verbünde und dem RAVI-Team der DNB um Lösungen gerungen. Ein weiterer Beitrag war, dass jetzt Standardnummern für Filmwerke und Wikidata-IDs können jetzt in Werktiteln erfasst werden können, ebenso Zusatztitel. Der Beitrag auf der BiblioCon 2023 ist hier zu finden.

Die Frage der Kanonbildung ist spannend. Den Ausgang des Projekts bildete ein Kernkanon von exakt 4.369 literarischen Werken aus den Erscheinungsjahren 1700 - 2015. Dieser wurde aus der Schnittmenge von 8 Lexika und 2 lokalen Normdatenpools gebildet, darunter Kindlers Literaturlexikon, Frenzel Daten deutscher Dichtung und Metzler Literatur Chronik von Volker Meid. Die Projektbearbeiterinnen verwendeten dann für die Recherche nach Verfilmungen, Vertonungen, Adaptionen eine umfangreiche Liste an Quellen.

Sehr gefreut hat uns das Interesse der Forschung an den Daten. Jonas Rohe (FU Berlin) verwendete den Kernkanon beispielsweise für seine Masterarbeit und nutzte verschiedene digitale Methoden, um die Geschlechterverhältnisse, Werkformen und zeitlichen Entwicklungen des Meta-Kanons zu beschreiben und mit anderen digitalen Werksammlungen in Beziehung zu setzen. Ebenso spannend ist für uns die Frage: Was definiert ein neues Werk? Hier besteht durchaus ein Spannungsverhältnis von literaturwissenschaftlicher Betrachtung versus Bibliotheksregeln. Am Beispiel der komplexen Werkfamilie von Schillers Wallenstein hat Arno Barnert dies auf einem Workshop zu Werknormdaten an der HAB Wolfenbüttel am thematisiert: Metzlers Literatur Chronik (Ausgabe 2006) betrachtet “Wallensteins Lager”, “Die Piccolomini” und “Wallensteins Tod“nicht als drei gleichgewichtige, selbstständige Werke. Wogegen gemäß RDA in der GND für das Gesamtwerk “Wallenstein” und für die drei Teilwerke eigenständige Werknormsätze angelegt sind.

Tipps für Forschungsprojekte

Fischer: Zusammenfassend: Als nicht unmittelbar aus dem Bibliothekswesen stammende Einrichtung: Wie würdest Du eure Erfahrungen mit der GND und der Integration in das organisatorische System beschreiben? Was hat euch bei der Integration geholfen? Welche Tipps würdest Du anderen empfehlen?

Schmidgall: Im Grunde folgt die Erschließung im DLA den bibliothekarischen Regelwerken RDA und RNAB. Wir haben eine lesende und schreibende Online-Schnittstelle zur GND, sind über die Verbundredaktion des SWB organisatorisch in die Strukturen eingebunden, die Qualität wird durch eine abteilungsübergreifende Normdatenredaktion im DLA abgesichert. Nicht verzichten wollen wir auf unsere lokalen Normdateien. Diese ermöglichen es uns, granularer zu erschließen. Und theoretisch könnten wir Forschungsprojekten und Editionen im DLA unsere Infrastruktur und redaktionelle Betreuung anbieten

Allen Einrichtungen, die die GND zur Erschließung ihrer Bestände verwenden, empfehle ich, Normdaten auch in ihren Katalogen sichtbar zu machen. Es macht Spaß, in einem solchen Katalog zu recherchieren, man kann Bezüge sichtbar machen und vielleicht Überraschendes dabei entdecken. Einfach mal im Katalog des DLA ausprobieren.

Aus der Erfahrung des Werktitelprojekts würde ich Forschungs- und Editionsprojekten empfehlen, bereits bei der Antragstellung mit der GND Kontakt aufzunehmen, finanzielle Mittel einzuplanen und zu prüfen, wie weit die GND die Granularität der Erfassungstiefe abdeckt. Vorab auch mit einer Universitäts- oder Forschungsbibliothek zu sprechen und bestehende Infrastrukturen zu nutzen, sich einen Partner suchen, der bereits eingespielte GND-Redaktionsverfahren hat. NFDI Kontext ist hilfreich. Und falls im GND-Format nur ein Bruchteil der Granularität abgedeckt werden kann, alternative Lösungen prüfen und GND-IDs im System nur mitführen. Ein exzellentes Beispiel für die Zusammenarbeit von Forschungsprojekt, Universitätsbibliothek und GND ist für mich der Handschriftencensus. Die von Nathanel Busch und Diana Müller gemeinsam verfassten Beiträge „Normdaten in den Geisteswissenschaften. Frequently Asked Questions“ und „Normdaten als Forschungsaufgabe. Der Handschriftencensus“ wären meine Lektüre-Empfehlung

Übrigens wurde unser Werktitelprojekt in erster Instanz abgelehnt. Im Ablehnungsschreiben gab es die Empfehlung, außerhalb der GND eine Lösung mit Linked Data Techniken zu suchen, damit das Projekt nicht durch die redaktionellen Prozesse der GND eingeschränkt ist. Wir sind dennoch überzeugt, den richtigen Weg gewählt zu haben, auch wenn die Abstimmungsprozesse Zeit benötigen und Kompromisse gefunden werden müssen. Die Daten können nachgenutzt und angereichert werden, ob im Forschungskontext oder bei der Katalogisierung der nächsten Ausgabe von Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“.

Fischer: Vielen Dank für Deine Geschichte.

Das DLA stellt sich vor

Das DLA in der Außenansicht, DLA, 2016, CC BY SA

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) ist eine der bedeutendsten literarischen und literaturwissenschaftlichen außeruniversitären Einrichtungen weltweit. Es bewahrt eine einzigartige Sammlung von Quellen aus der deutschen Literatur und Geistesgeschichte von 1750 bis in die Gegenwart. Der Bestand des Deutschen Literaturarchivs Marbach umfasst derzeit rund 1.600 Nachlässe und Sammlungen von Autorinnen und Autoren, über 50 Archive literarischer Verlage und über 450.000 bildliche und gegenständliche Stücke. Die Bibliothek ist die größte Spezialsammlung zur neueren deutschen Literatur mit 1,6 Millionen Medieneinheiten, darunter 260 Autoren-, Gelehrten-, Sammler- und Verlagsarchivbibliotheken. Der medienübergreifende Onlinekatalog macht die Erschließung sichtbar, kontextualisiert die Bestände und sichert den Zugang. Die Sammlungen und die Daten stehen allen offen, die Quellenforschung betreiben.

Dokumentation zum 3. GND Forum Museen und Sammlungen


Das Zitat stammt aus einem Brief, den Johann Wolfgang von Goethe im April 1819 an den Weimarer Kanzler Friedrich von Müller schrieb und lautet eigentlich „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht“. So geht es uns allen. Jeder und jede Mitarbeitende im Sammlungsmanagement und in der Museumsdokumentation weiß von der Notwendigkeit, für das Haus und die Sammlung passende Strukturen und Standards zu schaffen und für die Beschreibung der Sammlung geeignete Vokabulare zur Identifikation von Objekten, Personen, Orten und Schlagworten einzusetzen. Somit haben sie alle Erfahrungen mit der Gemeinsamen Normdatei (GND), der Objektbezeichnungsdatei (OBG) und weiteren Fach- und kontrollierten Vokabularen gesammelt. Im Verbund mit der digitalen Öffnung der Sammlungen tauchen weitere Fragen nach URIs und persistenten Identifikatoren (PID) auf ... Was davon braucht ein Museum wirklich? Was kann es leisten? Wo gibt es Unterstützung? Viele dieser Fragen begleiten die GND IG Museen und Sammlungen schon seit dem ersten Forum 2023. Es ist ein grundlegendes Informationsproblem, das sich nur beharrlich und immer wieder neu adressieren lässt.

Das diesjährige und dritte GND-Forum Museen und Sammlungen fand im Rahmen des Herbsttreffens der Fachgruppe Dokumentation des Deutschen Museumsbundes am 5. Oktober 2026 statt. Die Teilnahme war vor Ort in Berlin und online möglich. Über den Tag folgten circa 100 Teilnehmerinnen den Forumsbeiträgen. Die oben skizzierten “Fragen” standen im Mittelpunkt des Forums. Mitglieder der IG MuS hatten sich der Thematik im Vorfeld angenommen und waren schließlich zu dem Ergebnis gekommen, dass es einen zentralen Ort bräuchte, an dem man Antworten auf seine Fragen bekommt. An dem man lernt zu sehen, lernt zu verstehen, damit das Anwenden dann umso leichter fällt. Da wir aus Ressourcengründen keine eigene Norm-Akademie aufbauen können, entstand die Idee, gemeinschaftlich ein Kompendium zu erstellen, indem alle passenden und hilfreichen Informations- und Lehrmaterialien zusammengetragen werden. Dieses Kompendium sammelt entsprechende Beiträge ohne festgelegten Endpunkt. Auf dem Forum wurde die Idee für ein solches Kompendium vorgestellt und diskutiert. Details der Präsentation kann man den folgenden Folien entnehmen.

Die Daten zu den Materialien sollen über ein Online Formular erhoben werden, in das alle ab sofort alle beitragen können. Das Datenmodell für die Metadaten des Inhalte im Kompendium wurde in der Diskussion noch etwas verfeinert, aber im Wesentlichen für zielführend befunden. Ziel ist es, bis Dezember mindestens fünfzehn Einträge zu verzeichnen, damit man es als Beitrag zur kommenden Jahrestagung des DMB einreichen kann. Bis Mai 2027 sollte das Kompendium dann allerdings schon umfassender sein. Hier bauen wir auf unsere Leserinnen und Leser. Wichtigste Kriterien für die Aufnahme von Ressourcen in das Kompendium allgemeiner Art sind neben der inhaltlichen Nähe zur digitalen Erschließung mit kontrollierten Vokabularen, Normdaten und anderen PID-Systemen die drei folgenden:


  • online zugänglich
  • frei nachnutzbar
  • vollständige Metadaten


Als Publikationsort bietet sich das Wiki der IG MuS an, aber natürlich können andere, wie zum Beispiel die Landesverbände und Hochschulen, das Kompendium kopieren oder darauf verweisen und so zu dessen Verbreitung beitragen.

Nicht fehlen darf in einem GND-Forum der Bericht zu den Neuerungen im GND Netzwerk. Auch diesen Vortrag teilen wir hier mit Ihnen.

Die wichtigsten Neuerungen im vergangenen Jahr betreffen die Fortschritte im Ausbau der integrativen Infrastruktur bei der GND-Nutzung und im Bereich der GND-Mitgestaltung. Die GND-Kooperative kann inzwischen ein umfassendes Portfolio für den gesamten Zyklus des sogenannten Community Organizings anbieten. Die Bedarfe der meisten Communities sind, eigentlich unabhängig von ihrem jeweiligen Anliegen, ähnlich. Sie brauchen Angebote auf folgende Fragen:


  • Wo können wir uns informieren?
  • Wo können wir uns treffen und vernetzen?
  • Wo können wir das Nötige lernen (Befähigung)?
  • Welche Strukturen können wir auf Dauer nutzen (Verstetigen)?


Hier haben wir in den letzten Jahren erheblich zugelegt und dieses Angebot wird auch von ganz unterschiedlichen Gruppen, Einrichtungen und Sparten wahrgenommen. Das zeigt die nachstehende Grafik aus der obigen Präsentation.


Community Organizing im GND Netzwerk (Quelle: AfS (DNB) 2026, CC-BY)

Doch es ist eine Binsenwahrheit der Kommunikationsarbeit, dass man als Sender auch eine Verantwortung gegenüber den Empfängern hat. Anders ausgedrückt, mit dem Kompendium wollen wir dafür Sorge tragen, dass wir noch umfassender und zielgerichtet dort über die Themen GND, Normdaten, Thesauri und PID-Systeme informieren, wo diese Information auch ankommt. Dazu soll einerseits das Angebot kuratiert und gebündelt werden und andererseits bauen wir auf Ihre Unterstützung für die Verbreitung dieses Angebotes mit Sorge zu tragen. Sie alle sind herzlich eingeladen, sich mit Ihren Beiträgen an der Vielfalt und der Verbreitung des Kompendiums zu beteiligen. Wir werden Sie auch über den GND Blog auf dem Laufenden halten.

Präsentation des Vorschlages aus der IG MuS für ein Kompendium für Mitarbeitende in Musen und Sammlungen, das Info- und Lehrmaterialien zu Normdaten und anderen PID-Systemen versammelt:

Direkter Link zum Fragebogen für das Kompendium

https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSeS637-EsH5IGBSGr1xBOAFJBJDhpyrsZvnPtDI2lVHMVNovw/viewform

Präsentation der GND Zentrale zur integrativen Infrastruktur der GND