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In der Politik ist es manchmal wie in der Grammatik: Ein Fehler, den alle begehen, wird schließlich als Regel anerkannt. André Malraux (1901-1976)

zitiert nach Zitate-Fibel


Anfang des Jahres wurden die GND-Leitlinien in ihrer aktualisierten Fassung veröffentlicht. Das nehmen wir zum Anlass, um einerseits grundsätzlich die Funktion der Leitlinien darzustellen und andererseits zu erläutern, warum eine Aktualisierung nach Jahren geboten scheint. Die GND-Leitlinien sind ein integraler Bestandteil der GND-Kooperationsvereinbarung. Zusammenfassend ist es ihr Anliegen, allen Mitwirkenden an der GND einen klaren Handlungsrahmen zu vermitteln und zugleich allen Nutzenden offenzulegen, nach welchen Grundsätzen die Datensätze erstellt werden. Sie dienen demnach als Kompass oder neu-deutsch, sie sind der Code of Conduct der GND-Kooperative.

Ein GND Datensatz hat die Funktion eines verlässlichen Knotens im Netz der Daten.

Bildnachweis: https://pxhere.com/en/photo/646465; public domain



Seit der Erstveröffentlichung der Leitlinien 2017 als Anlage zur GND-Kooperationsvereinbarung hat die digitale Transformation des Kultur- und Forschungsbereichs enorme Fortschritte gemacht. Längst geht es nicht mehr vornehmlich um die Digitalisierung von Objekten, sondern die Daten zu den Objekten und die Referenzdaten selbst stehen im Fokus vieler kultur- und forschungsrelevanter Prozesse. Daneben sind Sichtbarkeit und Auffindbarkeit im Netz zu zentralen Parametern des Erfolges geworden. Das digitale Suchen und Finden (retrieval) von Daten und Information ist Teil unseres Alltags. Heute werden Informationen im zunehmenden Maß über KI-Agenten vermittelt. KI-Agenten sind oft Anwendungen generativer Künstlicher Intelligenz (KI). Ein bekanntes Beispiel ist der ChatGPT der Firma OpenAI. Aber auch Googeln passiert heute immer öfter im sogenannten AI-Modus. Bereits zwei Drittel der 16- bis 29-jährigen verwenden, laut einer Erhebung der bitkom, regelmäßig KI-Chatbots statt klassischer Suchmaschinen. Das ändert jedoch nichts am Anspruch des Nutzenden, dass die angebotene Information zuverlässig sein soll. Zuverlässig meint hier: faktisch richtig, nachvollziehbar und reproduzierbar. Dabei darf die Aussage “faktisch richtig” nicht zwingend mit “wahr” gleichgesetzt werden. Wahrheiten können, lehrt uns spätestens die Postmoderne, kontextgebunden sein. Fakten wie “Sauerstoff ist ein wesentlicher Bestandteil der heutigen Erdatmosphäre” sind hingegen beständig und dies unabhängig von der jeweiligen Perspektive des Senders oder Empfängers. Nur wenn diese Qualität der vermittelten Informationen verlässlich erreicht und vom Nutzenden auch tatsächlich wahrgenommen wird, werden KI-Agenten einen dauerhaften Beitrag in der Öffnung des Zugangs zu Wissen leisten und damit zu einem effektiven Assistenten in dem Aufgabenspektrum werden, das sie mit den Bibliotheken teilen: Die Vermittlung von Information und der Organisation von Wissen. 

Diese technischen und damit einhergehenden gesellschaftlichen Entwicklungen wirken sich auf die Normdaten-Arbeit aus. Einerseits gilt es, das Retrieval in den KI-Suchen qualitativ zu sichern. Andererseits soll KI die automatische Erschließung fördern. Dabei Entitäten natürlich auch mit Normdaten verknüpfen und das Anlegen neuer GND-Datensätze unterstützen. Unbeantwortet bleibt hierbei bislang die Frage, welche Auswirkungen es auf unseren Umgang mit Daten, Informationen und Wissen hat, wenn Normdaten in KI-basierten Anwendungen automatisiert generiert und ebendiese im Retrieval als Referenz verwendet werden. Könnten Fehler sich dadurch leichter perpetuieren? Würden eigentlich falsche Daten zu fehlerhaften Ergebnissen führen? Diese Risiken gilt es, von einer soliden Basis aus bewusst in den Blick zu nehmen.

Normdaten sind und bleiben ein wichtiges Werkzeug des Retrievals im Informationsmanagement. Gerade im wissenschaftlichen Kontext erhalten Normdaten im  RAG-Verfahren (Retrieval-Augmented Generation) zunehmende Bedeutung, um die Verlässlichkeit von Antworten der KI-Anwendungen zu verbessern. Dieses Verfahren wird jedoch noch nicht flächendeckend von den Sprachmaschinen angewandt. Vielmehr ist es bislang ein zusätzlicher Aufwand der Regulierung der Sprachmodelle (LLM), den der End-Nutzende nicht leisten kann. Zugleich verspricht man sich vom Einsatz KI-basierter Verfahren zur Generierung von Normdaten entsprechende Effizienzgewinne und setzt verstärkt auf ihre Implementierung (1). Das heißt, sowohl im Retrieval als auch bei der Generierung von Normdaten werden zunehmend KI-basierte Verfahren zur Anwendung kommen. Damit gewinnen die Nutzbarkeit und Zuverlässigkeit von Normdaten sowohl inhaltlich als auch technisch an zusätzlicher Bedeutung. Vor diesem Hintergrund verpflichten sich die Partner der GND-Kooperative in den GND-Leitlinien auf die Gewährleistung der Qualität der Normdaten im besonderen Maße und öffnen sich zugleich für KI-basierte Verfahren samt den daraus eventuell folgenden neuen Anforderungen an Dateiformate und Schnittstellen. 

Keine alternativen Fakten in der GND

Die inhaltliche und technische Qualität der Normdaten ist das Fundament und konstitutives Element unserer transinstitutionellen Zusammenarbeit. Insbesondere die inhaltliche Verlässlichkeit betrifft die Verantwortung der Kooperative für unsere demokratische Gesellschaft. Wenn GND Redakteur*innen sich auf die Liste von Nachschlagewerken als Referenz berufen, dann steht dahinter die implizite Vorstellung, dass der Publikationsprozess von Nachschlagewerken hinreichend wissenschaftlich sei - also den ethischen Prinzipien der Wissenschaft (2) folgt, und damit innerhalb des gesellschaftlichen, zivilisierten Diskurses der Demokratie sowie ihres Fundaments aus Fakten, Menschenrechten und Verfassung. Dieser unausgesprochen vorausgesetzte Rahmen wird zwar als weitläufig, aber eben nicht als beliebig gesehen. Vielmehr vertraut man darauf, dass er eine hinreichende Meinungsvielfalt spiegelt, die sich jedoch auf eine Faktizität geeinigt hat, die nicht willkürlich, sondern belegbar ist. Dieser Rahmen gilt für die Wissenschaft, die Medien und nicht zuletzt für Wissensorganisationen wie Museen, Archive und Bibliotheken. Diese Prinzipien sind der Garant, dass nicht eine einfache Mehrheit oder ein Machthaber entscheiden kann, was faktisch richtig sein soll. Damit bieten diese Einrichtungen in unserer liberalen Demokratie ein korrigierendes Gegengewicht zum politischen Diskurs und schützen uns als Gesellschaft vor Fehlern. Das gilt selbst für solch kleine Elemente wie Normdaten. Vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen schien uns die explizite Benennung dieses ethischen Handlungsrahmens geboten. Daher haben die Mitglieder der GND-Kooperative im GND-Ausschuss eine aktualisierte und abgestimmte Fassung der Leitlinien ausgearbeitet. Die aktualisierten Leitlinien betonen: 

  • Die GND verpflichtet sich zu wissenschaftlicher Redlichkeit, Quellentransparenz und sachlicher Darstellung. 
  • Ihre Partner sind hinsichtlich der Datenpflege und Dienstleistungen rund um die GND im Rahmen der liberalen Demokratie zu Neutralität und Unvoreingenommenheit im Sinne der allgemeinen Menschenrechte verpflichtet.
  • Ihre Daten sind offen und frei im Internet zugänglich. … Sie unterstützt die Datenvernetzung über Regeln und Werkzeuge auch im Rahmen von KI-Anwendungen.

Der vollständige Text wird über die GND-Website zum Download angeboten.

Ich habe dem Beitrag ein Zitat des französischen Politikers und Abenteuers (sic!) André Malraux vorangestellt, weil das Zitat mir assoziativ eine Brücke schlägt von der uns vertrauten Welt der regelbasierten und normenden Daten, analog der Grammatik, zu der oft als chaotisch erlebten und auf jeden Fall machtorientierten Welt der Politik. Das Zitat lenkte meine Aufmerksamkeit auf das Risiko von Folgefehlern in der Politik. Denn auch die Politik hängt nicht zuletzt von der Richtigkeit der Fakten ab. Auf der Grundlage von verlässlichen Fakten sollte sie idealerweise ihr Handeln ausrichten. Andernfalls drohen auch in der Politik aus Fehlern neue Handlungsmaximen zu entstehen. Möge dies uns allemotivieren, redlich unser Handwerk zu betreiben.

Anmerkungen

(1) Vergleiche etliche Vorhaben der Mitgliedsintitutionen des Standardisierungsausschusses für KI-basierte Ansätze zur automatisierten Erschließung, die auf dem Kolloquium “In Zukunft mit KI” präsentiert wurden.  

(2) Vergleiche Harari, Yuval Noah “Nexus”, Fern Press 2024, S. 103 “A scientific institution, in contrast, gained authority because it had strong self-correcting mechanisms that exposed and rectified the errors of the institution itself. It was these self-correcting mechanisms, not the technology of printing, that were the engine of the scientific revolution.”






Der Handwerker, Bronze von Evelyn Beatrice Longman, 1931

Bildnachweis: Steve Thornton, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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