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Ein Playbook zum Workshop “Demokraten und Daten” im Rahmen des Hessischen Bibliothekstages 2026 

Sehr oft, wenn ich einen Blogpost schreibe, steht die Gemeinsame Normdatei (GND) im Fokus des Beitrages. Das ist auf dem GND-Blog naheliegend. Doch heute möchte ich ein Thema in den Mittelpunkt stellen, das uns alle betrifft, egal, ob wir tagtäglich mit Normdaten zu tun haben oder diese nur aus dem Lexikon kennen: Unsere demokratische Gesellschaft. Nicht nur weil in diesem Jahr viele Landtagswahltermine anstehen, kann man derzeit viel über Demokratie, Demokratiemüdigkeit, Demokratiegefährdung und Demokratieresilienz hören oder lesen. Es herrscht zurzeit mehr als nur ein Unbehagen. Die Zivilgesellschaft kommt in Bewegung. Verbände, Gewerkschaften, NGOs, Gremien der Wissenschaft und Kultur, sie alle reagieren auf die zunehmende Polarisierung des gesellschaftlichen Diskurses, auf das Erstarken demokratiefeindlicher Parteien und auf die endemische Ausbildung von Misstrauensgemeinschaften. In diesem Kontext steht die Veröffentlichung sowohl der aktualisierten GND-Leitlinien im Januar als auch das Positionspapier des Hessischen Bibliotheksverbundes “Demokratie braucht Bibliotheken” vom 11. Mai auf dem hessischen Bibliothekstag in Gießen. Alle eint das Gefühl, dass es mehr braucht als das stille Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen, sowie die Einsicht, dass wir alle Teil dieser demokratischen Institutionen sind und wir daher selbst aktiv werden müssen, wenn uns die liberale, auf dem Grundgesetz ruhende Demokratie als sicherer Rahmen für unsere offene Gesellschaft etwas bedeutet. 

Vor diesem Hintergrund haben Jakob Frohmann von der Universitätsbibliothek Frankfurt und ich unterstützt durch die Organisatoren des hessischen Bibliothekstages, dbv Hessen und dervdb Hessen, in Gießen einen Workshop für Mitarbeitende in Bibliotheken mit dem Titel “Demokraten und Daten” durchgeführt. Da wir glauben, dass man das Konzept gut als Playbook für ähnliche Workshops im eigenen Haus nutzen kann, möchte ich es kurz vorstellen.

Das Konzept

Wir haben uns für eine induktive Methode entschieden, bestehend aus Einführung, Beispiel, Gruppenarbeit und Ergebnissicherung (Abbildung 1). 

Abbildung 1: Das Zeitschema des Workshops

Dabei diente uns die Arbeit an der Aktualisierung der GND-Leitlinien als Beispiel. Eine Lehre in dieser Arbeit war es, dass es nicht immer die schnell umzusetzende Aktion sein muss, sondern dass es wichtiger ist, den Diskurs über die Maßnahme breit zu führen und Mitstreiter*innen zu gewinnen, die einem im Gang durch die Ebenen der Umsetzung den Rücken stärken, auch wenn das Zeit kostet. Im dritten Teil haben wir die Teilnehmenden eingeladen, eigene Ideen zu entwickeln. Um es den Teilnehmenden einfacher zu machen, selbst Ideen zu skizzieren, was sie zur Demokratieresilienz in ihrer Einrichtung in den Blick  nehmen könnten, haben wir drei Aktionsfelder definiert. (Abbildung 2)

Im ersten Aktionsfeld nehmen wir die Daten der Bibliothek in den Fokus. Das können Katalog- oder Forschungsdaten sein, und wie wir diese vor aggressiven Manipulationen schützen können. Jüngstes Beispiel sind die wiederholten Manipulationen der “Bibliothek des Konservatismus” am Katalog des GBV-Bibliotheksverbundes, die nun per Gerichtsurteil unterbunden werden können. Aber ebenso Digitalisate aus den Sammlungsbeständen der Bibliothek. Sei es, dass man überlegt, welche Medien bevorzugt zur Demokratiebildung digitalisiert werden sollen. Oder untersucht, ob und wie Digitalisate und ihre Inhalte künftig vor Missbrauch geschützt werden müssen.

Das zweite Aktionsfeld wirft den Fokus auf  die Daten der Nutzenden. Was können wir tun, um deren Daten vor Missbrauch zu schützen, wie können wir sie besser über Gefährdungspotentiale informieren? Es geht um Datenschutz, Ansprache, Datenspuren und Fragen der Integration und Inklusion. 

Im dritten und letzten Aktionsfeld steht die Bibliothek selbst im Zentrum. Am digitalen Arbeitsplatz entscheidet sich die Programmgestaltung, bestimmen unterschiedliche Policies des Hauses die Arbeitsweise der Mitarbeitenden, sei es hinsichtlich der Leseförderung, oder der Auswahl der Software, KI-Anwendungen  oder Cloud-Services.

Die Teilnehmenden konnten nun frei wählen, in welchem Aktionsfeld sie ihre Handlungsoptionen identifizieren wollten. Sie entwickelten erste Ideen, die jeweils kurz vorgestellt wurden. Gemeinsam haben wir dann im dritten und vierten Teil des Workshop eine erste Roadmapskizze zu der Idee erarbeitet, die uns allen am spannendsten erschien. 

Abbildung 2: Die Aktionsfelder des Workshops

Die Ideen

Ideen gab es für jedes der Aktionsfelder. Im Feld der Bibliotheken natürlich die Idee, die Demokratiebildung und Resilienz durch entsprechende Veranstaltungen zu fördern. Zum Beispiel den US-amerikanischen Dokumentarfilm “The Librarians” zu zeigen. Im Bereich der Daten von Nutzenden kamen Vorschläge wie zu untersuchen, wie die Daten der Nutzenden bei Konsortiallizenzen besser vor ungewollter kommerzieller Nachnutzung oder Missbrauch geschützt werden könnten, oder den Diskurs über Zensur versus Meinungsfreiheit im Spannungsfeld der Demokratieresilienz zu fördern. Auch sicherzustellen, dass Anstrengungen für mehr Integration und Inklusion zum dauerhaften Selbstverständnis der Bibliothek gehören. Im Feld der Daten, die die Bibliothek bereitstellt, gab es im Wesentlichen zwei Ideen für Handlungsoptionen. Die erste Idee kreiste um das Problem der Zugangssicherung zu Information und Wissen mittels der Kataloge und Datenbestände bei exponentiell steigender Last durch Bots und Crawler. Die zweite Idee holte weiter aus. Wie sollen wir künftig unsere nach besten Wissen und Gewissen in Open Access publizierten Daten vor feindlichen, kriminellen oder vandalisierenden Datenmanipulationen schützen? Es geht um nichts weniger als um das Vertrauen der Nutzenden in die Bibliotheken, die als Garant für die Authentizität und Qualität der Daten einstehen. Diese Idee haben wir schließlich gemeinsam alle zusammen versucht weiter zu konkretisieren.

Open Access versus Datenmanipulation

Zunächst haben wir das Thema detaillierter beschrieben. Ein zentrales Problem schien uns fehlende Optionen, saubere Quellenkritik zu ermöglichen. In der Nachnutzung der Inhalte der digital vorliegenden Quellen, die zudem beliebig aufgesplittet, neu gemischt und manipuliert werden können, geht meist der Quellenbeleg als Garant für Qualität und Authentizität  verloren. Schnell wurde klar, dass die einzelne Bibliothek zwar nur bedingt, das Problem lösen kann, aber dass selbst für diese Maßnahmen die Zusammenarbeit von vielen Akteuren wie der EDV, den Bibliothekar*innen, dem Open-Access-Beauftragten und der Direktion unterstützt durch Pädagogen und Psychologen sowie nicht zuletzt durch Verbünde wie dem VDB und ähnlichen, erforderlich wären. Einerseits müsste der gesetzliche Rahmen in Form von KI-Gesetzen dem Missbrauch von OpenAccess publizierten Daten vorbeugen. Zum anderen könnten zum Beispiel im Rahmen von den Open Access Wochen konkrete Maßnahmen wie Workshops zur Verbesserung der Quellenkritikfähigkeit oder ein Kampagne gegen den Digitalisat-Missbrauch gestartet werden. Angedacht wurden der Ausbau von technischen Lösungen wie “digitale Wasserzeichen”, oder die Entwicklung eines entsprechenden Code of Conducts und eines Disclaimers für die OA-Portale. Auch könnten vielleicht Social Media Manager oder Social Media Player der Bibliothek geschult werden, Fakes zu erkennen und als solche zu melden. Es gab schon so viele spannende Ideen allein rund um dieses Thema, doch unsere Zeit war begrenzt. Um aus dieser Skizze heraus eine seriöse Projektplanung zu entwickeln, bliebe selbstverständlich noch viel zu tun. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Beschäftigung mit dem großen und manchmal doch als schwer empfundenen Thema Demokratieförderung Spaß machen kann und selbst bei wenig Zeitaufwand schon Denkprozesse anregt. Das sagten zumindest die Teilnehmenden.

Ich hoffe,  dass sich viele durch dieses kleine Playbook motiviert fühlen, sich selbst vor Ort umzuschauen, welche Handlungsoptionen jede und jeder von uns hat. Suchen Sie sich Mitstreiter*innen und treten Sie für eine offene Gesellschaft ein. Denn Bibliotheken brauchen Demokratie.