Im ersten Vortrag berichtete Michael Franke-Maier von der Freien Universität Berlin über ein Einstiegsprojekt in die Erschließung mit Normdaten in Kooperation mit einer großen Bibliothek. Unter dem Motto „Together We Create“ entstand eine Kooperation der FU mit der Bayerischen Staatsbibliothek bzw. dem Bibliotheksverbund Bayern (KOBV). Das Projekt konnte damit auf das Know-how einer GND-Agentur und mehrerer dezentraler GND-Redaktionen zurückgreifen. Wichtig für den Gesamtworkflow ist die Unterscheidung zwischen Inhalts- und Formalerschließung. Während die Formalerschließung auch durch Lokalredaktionen erfolgen konnte, wurde die Inhaltserschließung von den größeren beteiligten Einrichtungen durchgeführt. Die FU Berlin übernahm hierbei einen Teilbestand, während die Bayerische Staatsbibliothek als GND-Redaktion für die Entitäten Personen, Körperschaften und Geografika zuständig war. Die Redaktion für Sachbegriffe und anonyme Werke übernahm wiederum die Universität Augsburg. Neben der Neuerfassung von GND-Entitäten auf Level 1 sah das Projekt auch die Mitarbeit in GND-Gremien, Regelwerksschulungen und Beratung vor. Es gab eine umfangreiche Zusammenarbeit mit den KOBV-Bibliotheken, die mit der GND arbeiten, mit verschiedenen Fachinformationsdiensten (Sozial- und Kulturanthropologie an der HU Berlin, Anglo-American Culture & History an der FU Berlin und Gender an der HU Berlin) und weiteren Forschungseinrichtungen, z. B. der Baltisch Historischen Kommission, die sich durch eine große Expertise über Adelsfamilien auszeichnet. Insgesamt kann das Projekt für die Jahre 2024 und 2025 über 700 Neuansetzungen oder Uprades in der GND in den Entitäten Personen, Konferenzen, Geografika, Werke, Körperschaften und Sachbegriffe aufweisen. Für die Zusammenarbeit mit der Lokalredaktion Sacherschließung, den Fachinformationsdiensten und dem Projekt „Critical Library Perspectives“ wurden feste Workflows vereinbart. Eine länger andauernde Diskussion ging z. B. der Ansetzung des Sachbegriffs „Gender“ in der GND voraus, der im Februar 2024 realisiert wurde. Weitere GND-Einträge mit Genderbezug für in diesem Zusammenhang werden überarbeitet.
In seinem Fazit stellte der Referent fest, dass Bibliotheken - abhängig von Personalkapazitäten – immer für eine Kooperation offen waren und auch unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit möglich waren. Metadaten (und Normdaten) erweisen sich letztlich als Schlüssel für den Zugang zu Wissen (DBV-Positionspapier vom Dezember 2025). Die GND lebt von der Kooperation und entwickelt sich täglich weiter.
In der ersten Breakoutsession zum Vortrag von Michael Franke-Meier wurde deutlich, dass die Unterschiedlichkeit der erfassten Entitäten, aber auch die Workflows in den Partnereinrichtungen die Arbeit der GND-Agentur abwechslungsreich gestalten. Eine Herausforderung ist etwa auch die Anlage fiktiver - etwa literarischer – Personen als Entität, weil Personendatensätze etwas keinen „Creator“ vorsehen. Auch lasse sich die Realität nicht immer normieren – beispielsweise werden nordamerikanische Reservate als Geografika angelegt, müssten aber ggf. eine Gebietskörperschaft sein. In der Community der Critical Libraries werden auch diskriminierende Begriffe diskutiert. Die Ansetzung von Normdaten muss auch insgesamt durch Diskussionen mit anderen (Fach-) Communities, etwa Archiven, weiterentwickelt werden. So gibt es etwa eine von Bibliotheken und Archiven gemeinsam geführte Diskussion zur Weiterentwicklung der Ansetzung von Ghettos zur Zeit des Nationalsozialismus, jedoch ohne Blaupause oder Erfahrung der Zusammenarbeit mit den bisher unterschiedlichen Erschließungskulturen. Es stellte sich auch die Frage nach Möglichkeiten der Normierung und Standardisierung in der archivischen Erschließung, der besonders nachdrücklich von der technischen Seite gefordert wird.
Im zweiten Vortrag stellte Jens M. Lill vom Bibliotheksservicezentrum Konstanz die von der DNB bereitgestellten GND-Webformulare vor. Durch ihre einfache, bequeme und direkte Nutzbarkeit bieten sie einen niederschwelligen Zugang zur produktiven Neuansetzung von GND-Datensätzen. Sie zeichnen sich durch ein einfaches Design und intuitive Bedienbarkeit ohne Regelwerkskenntnisse aus, was sie für nicht-bibliothekarische Anwender*innen leicht nutzbar macht. Die abgespeicherten Eingaben landen über eine GND-Agentur vermittelt in der GND. Gleichzeitig findet ein Dublettencheck statt. Möglich sind sowohl eine Neueingabe als auch eine Ergänzung von bereits vorhandenen Datensätzen. Nicht möglich ist allerdings die Zusammenführung von Dubletten, die dann in der redaktionellen Bearbeitung jeweils miteinander verlinkt werden. Hinweise oder Korrekturwünsche können über eine Mailbox eingebracht werden. Voraussetzung für die Nutzung der GND Webformulare sind eine ISIL und der Anschluss an eine GND-Agentur, dazu die Teilnahme an einer Schulung. Inzwischen ist auch eine Agenturhandreichung für das Webformular vorhanden. Auch müssen neu angelegte Datensätze der zuständigen Agentur und der DNB gemeldet werden. Wichtig für die Eingabe neuer Datensätze sind auch die Beachtung der Eignungskriterien, ein berechtigter Bedarf, eine freie CCO-Lizenz, verlässliche Quellenangaben und Regelkonformität.
In seinem Fazit betonte der Referent die durchweg positiven Erfahrungswerte mit den ca. 5500 neu eingebrachte Datensätzen. Zu den bisher vorhandenen Webformularen für Personen und Körperschaften/Organisationen soll noch 2026 ein Webformular für Gebietskörperschaften in der Satzart Geografika hinzukommen.
In der zweiten Breakoutsession führte Jens M. Lill die Webformulare für Personen und Körperschaften anhand von Produktivdatensätzen vor und beantwortete Rückfragen aus dem Kreis der Teilnehmenden. Durch eine neu implementierte Liste möglicher Nachschlagewerke für die Quellenangabe wurde die Mitmachschwelle für die Teilnahme nochmals gesenkt. Es besteht ein Angebot von 2 Schulungen im Jahr. Die nächste wird voraussichtlich im Oktober/November 2026 stattfinden.
Außerdem wurde die Bedeutung der Zusammenarbeit von Archiven und Bibliotheken beleuchtet und folgende Erfahrungen geäußert: Die gemeinsame Arbeit der GND-Agentur wird durch die Zusammenarbeit besonders abwechslungsreich, Neuerungen und Weiterentwicklungen in der Normdaten-Arbeit werden angestoßen, die eigene Arbeitsweise bereichert. Als Beispiel dafür kann die Arbeit an der Ansetzung von Normdaten für Ghettos dienen. Der Druck zur Standardisierung, der durch die technische Bedingtheit entsteht, wird auf archivischer Seite mitunter als Herausforderung wahrgenommen und zeigt unterschiedliche Erschließungstraditionen auf.
Der dritte Vortrag "Data-Literacy und GND-Referenzierung am Staatsarchiv Bamberg " von Maximilian Stimpert war ein Fortsetzungsbericht basierend auf dem Projekt „Hands-on Normdaten!“, vom dem bereits beim 4. GND-Forum im September 2024 berichtet wurde. Data Literacy, d. h. Datenkompetenz (Daten lesen, erheben und verstehen) stellt ein zentrales Gebiet für Archivar*innen dar. Einzelne Themenfelder sind die Erschließung, die Bereitstellung von Informationen in Findmitteln und die Normdatenarbeit als Tool zur Sicherung der Datenqualität. Als Praxisbeispiel wurde die Einbindung von Personennormdaten ins AFIS aufgezeigt. Dabei kamen die Entitäten Ortsnamen, Personennamen und Sachbegriffe zum Einsatz. Im Zuge des Projekts hatte es eine Zusammenarbeit mit der GND-Agentur Bayerische Staatsbibliothek/Bibliotheksverbund Bayern gegeben. Die in den Erschließungsdaten vorhandenen Metadaten über Personen – beispielweise Angaben über Geschlecht, Beruf, Wirkungsort und Wirkungsdatum – stellen in der Regel eine gute Grundlage dar, um neue GND-Datensätze anzulegen. Als Beispiel führte der Referent den Wirkungskreis eines Bamberger Domkanonikers und der mit ihm verbundenen Personen, Orte und Körperschaften aus. Bei einer Bearbeitungsdauer von vier Wochen konnten insgesamt zwei Archivbestände, 685 Verzeichnungseinheiten und 761 Entitäten bearbeitet sowie 324 GND-Datensätze eingebunden werden. In seinem Fazit stellte er kurz und knapp fest: Mitmachen lohnt sich!
Die dritte Breakoutsession widmete sich dem Impulsvortrag von Maximilian Stimpert. Es wurde über die Frage gesprochen, wie man am besten die Metadaten vorhält, die zur Anlage neuer benötigter Datensätze in der GND dienen können. Herr Stimpert berichtete, dass dies beim Staatsarchiv Bamberg bislang parallel in einer Excel-Tabelle in entsprechend strukturierter Form erfolge. Herr Haslauer wies auf den Beispielworkflow für den Import von Personendatensätzen in die GND hin, den das Staatsarchiv Bamberg zusammen mit den GND-Agenturen BSB/BVB und Text+ (SUB Göttingen) zur Nachnutzung entwickelt hat (siehe Beschreibung und Links in der IG-Handreichung "Tipps & Tricks für die erfolgreiche Nutzung von Tools zum Einsatz der GND im Archiv", Abschnitt IV 3).
Der Erfahrungsaustausch über den GND-Abgleich anhand der lobid-gnd-Schnittstelle in OpenRefine sowie über die ins AFIS implementierte SRU-Schnittstelle zeigte, dass die automatisierte Vorgehensweise zwar bei bestimmten Szenarien vorteilhaft genutzt werden kann (v.a. bei vielen gleichen Entitäten in den Datensätzen), darüber hinaus aber an Grenzen stoße, sodass immer noch in größerem Maß intellektuelle, händische Arbeiten erforderlich sind. Daher gingen mit dieser Qualitätssicherung nicht unerhebliche Aufwände einher. Je eindeutiger bzw. besser strukturiert die Daten jedoch vorliegen, desto besser funktioniere der Abgleich. Betont wurde die Bedeutsamkeit, auch Körperschaften mit der GND zu verknüpfen, da sich hiermit Bestands- bzw. Provenienzbildner abbilden lassen. Ob die empfehlenswerte Verknüpfung von GND-IDs auf Bestandsebene möglich ist, ist jedoch vom eingesetzten AFIS abhängig. Grundsätzlich ist beispielsweise die Möglichkeit zur Einbindung von Körperschafts-GND-Datensätzen in die VZEs bei den Staatlichen Archiven Bayerns in Planung.
Festgehalten wurde auch, dass eine Weiterentwicklung der AFIS-Systeme vor allem in zwei Richtungen wünschenswert wäre. Dies beziehe sich einerseits auf möglichst flexible und zielführende Abgleichfunktionen (Abgleich über mehrere Felder), so dass ein aufwändiger Ex- und Import der Daten zur Bearbeitung mit Tools außerhalb des AFIS überflüssig werde. Zum anderen gehe es um die Bereitstellung von Export-Workflows, mit denen Metadaten über die Entitäten beispielsweise in einem Thesaurus strukturiert erfasst und anschließend automatisiert im MARC-Format der GND zugeführt werden können.
Unstrittig waren die Aufwände, die mit der Aufnahme von Entitäten einhergehen, etwa mit der Erfassung mehrerer Personen (z.B. Korrespondenzpartnern) je Verzeichnungseinheit. Betont wurde aber auch, dass die GND-Referenzierung gerade im Archivportal-d die Aufmerksamkeit und die Reichweite steigere. Im Hinblick auf die strategische Ausrichtung von Archiven trage die GND-Nutzung bei der Erschließung zu erhöhter Sichtbarkeit, Auffindbarkeit und Interoperabilität der Daten bei sowie auch zu deren Qualität und zur automatisierten Nachnutzbarkeit etwa durch die Digital Humanities, die auf qualitativ hochwertige Daten angewiesen seien. Datenbereinigung und Homogenisierung seien daher wichtige Arbeitsziele für die Archive. Inwiefern eine KI-gestützte Entitätenerkennung und Verlinkung mit der GND in der Zukunft zuverlässig möglich sein wird, bleibt abzuwarten.
Die vierte Breakoutsession nutzten viele der Teilnehmenden um sich über den künftigen Dienst GNDplus tiefergehend zu informieren. Die Referentin Sarah Hartmann betonte nochmals, dass Ergänzungen und neu vorgeschlagene Entitäten in GNDplus zwar in einer eigenen Datenbank liegen, aber über den GND Explorer angezeigt werden. Es wurde angeregt, dass die Daten aus GNDPlus auch in LOBID eingebunden werden sollten. Vorgeschlagene Entitäten oder Korrekturen können, wenn sie den Regeln entsprechen und die technischen Möglichkeiten vorliegen, später in die GND übernommen werden. Nicht in allen Fällen wird dies allerdings möglich sein, z. B. weil das Format der GND dies nicht zulässt. Die Übernahme in die GND soll über ein redaktionelles Verfahren gesteuert werden. Beim Anlegen eines neuen Datensatzes in GNDplus wird sofort ein Persistent Identifier vergeben, der auch direkt zurück geliefert wird. Identifier von Entitäten, die nicht mehr gültig sind (z.B. bei Umlenkungen oder Zusammenlegung von Dubletten), bleiben erhalten bzw. es wird dokumentiert, dass diese nicht mehr verwendet werden. Weitere Anwendungsmöglichkeiten für GNDplus können etwa akademische Jahresfeiern als Veranstaltungen oder aber generell als Sachbegriff sein. Auch im Bereich GNDPlus bedarf es einer Registrierung und der Kooperation mit einer Redaktion/Agentur, die langfristig die Pflege der Daten gewährleistet. Sie entscheidet auch über die Übernahme eines Datensatzes. In GNDplus kann auch kooperativ an einem Datensatz gearbeitet werden. Dies ist ein Vorteil, wenn in einer Institution nicht genügend Merkmale (Metadaten zu der jeweiligen Entität) für einen vollständigen Datensatz vorliegen. Es könnte dann z. B. eine andere Institution weitere Merkmale (Metadaten) ergänzen. Historische Geokoordinaten können auch, entsprechend gekennzeichnet, ergänzt werden.
In GNDplus wird kein allumfassende neues Datenmodell für alle community-spezifischen Metadaten verwendet, sondern es werden für bestimmte Anwendungskontexte konkrete Lösungen für spezifische Bedarfe, z. B. für ergänzende Merkmale, die nicht in der GND vorgehalten werden können, gefunden.